Interview
Frage: Herr Schmidt-Salomon, in den Medien wird
Ihr gemeinsam mit Helge Nyncke verfasstes Buch "Wo bitte geht
es zu Gott? fragte das kleine Ferkel" mitunter als "Hassbuch"
beschrieben.
Das wirft
die Frage
auf:
Sind Sie ein "Religionshasser"?
Antwort:
Nein. Diese Gefühl ist mir völlig fremd. Ich "hasse" Religionen
nicht, ich halte sie vielmehr, wie ich auch im Nachwort
zur zweiten Auflage des "Manifest
des evolutionären Humanismus"
geschrieben habe, für "kulturelle Schatzkammern der Menschheit",
die sowohl Sinnvolles, Humanes, als auch Sinnloses, Inhumanes,
enthalten. Die große Aufgabe der Aufklärung besteht darin,
das Eine von dem Anderen zu trennen. Dies kann, so meine
Überzeugung, nur dann gelingen, wenn Kritiker von "Außen"
ihre Position so klar wie möglich formulieren.
Dies nämlich schafft erst die notwendigen Freiräume für
innerreligiöse Reformprozesse. Pointiert formuliert: Ohne
Marx, Nietzsche,
Freud, Russell gäbe es auch keinen Schweitzer, Küng, Drewermann
und auch keine Dorothee Sölle. Die Tragik des Islam besteht
darin, dass es solche "Kritik von Außen" bislang nicht
in ausreichendem Maße gegeben hat. Deshalb stehen die Vertreter
des "Euro-Islam" momentan auch noch auf so verlorenem Posten.
Frage: Sind
Sie denn wenigstens der "militante Atheist", als der Sie
beschrieben werden?
Antwort:
Nein, auch damit kann ich kaum dienen. Denn ich bin erstens
nicht "militant", sondern ein friedliebender
Vertreter der "produktiven Streitkultur der Aufklärung",
der lieber falsche Ideen sterben lässt, bevor reale Menschen
für Ideen
sterben müssen. Und zweitens halte ich den Begriff "Atheist"
für überaus nichtssagend. Mich verbindet mit dem Atheisten
Stalin so wenig wie den Theisten Albert Schweitzer mit
dem Theisten Osama bin Laden. Es wird Sie vielleicht ein
wenig verwundern, aber es gibt durchaus Gottesvorstellungen,
für die ich gewisse Sympathien hege. So habe ich etwa gegen
den "Gott" Spinozas, Giordano Brunos, Meister Eckharts
oder Albert Einsteins nur sehr wenig einzuwenden. Allerdings
ziehe ich es vor, in meinem Sprachgebrauch
auf den geschichtlich arg vorbelasteten Begriff "Gott"
zu verzichten. Wenn Sie so wollen, folge ich
hier einem Vorschlag Theodor
W. Adornos, der einmal im Sinne einer negativen (jüdischen)
Theologie forderte: "äußerste Askese jeglichem Offenbarungsglauben
gegenüber, äußerste Treue zum Bilderverbot, weit über das
hinaus, was es einmal an Ort und Stelle meinte."
Frage: Wie
erklären Sie sich aber dann die hasserfüllten Reaktionen
einiger Gläubiger, die in dem Buch eine "Anti-Religionshetze"
sehen?
Antwort:
Nun, auf diese Frage habe ich schon recht ausführlich in
einem Interview
mit dem Humanistischen Pressedienst geantwortet.
Die Religionen
besitzen gewissermaßen das weltanschauliche Monopol in
den Kinderzimmern und versuchen dieses natürlich mit allen
Mitteln zu verteidigen. Zudem habe ich den Verdacht,
dass viele Kommentatoren das Buch entweder gar nicht oder
nur sehr oberflächlich gelesen haben. Das "kleine Ferkel"
ist zwar ein kritisches,
aber doch auch ein sehr liebevolles, warmherziges, humorvolles
und überaus vielschichtiges Buch. Wer es gelesen hat,
der sollte eigentlich wissen: Das kleine Ferkel stachelt
ganz gewiss nicht zu Hass auf, sondern zu Heiterkeit! Dies
haben uns mittlerweile auch sehr viele Menschen - ob jung
oder alt, Schüler oder Professor, Handwerker oder Psychologe
- bestätigt. Es ist schon einigermaßen
grotesk, wenn man
manche Pressestimmen
mit dem vergleicht, was in
diesem drolligen, kleinen Büchlein wirklich zu sehen und
zu lesen ist. Hier sind psychodynamische Prozesse im Spiel,
die fatal an die Zeiten der Ketzerverfolgungen
erinnern. Allerdings: Wir haben neben all den Vorwürfen
auch sehr viel Unterstützung erfahren! Ich empfinde es
als sehr ermutigend, dass so viele Menschen
unterschiedlichster Herkunft den Schneid haben,
die Aktion
"Rettet das kleine Ferkel!" auf www.ferkelbuch.de zu
unterstützen. Ihnen
allen gilt mein tiefster Dank! Schließlich verlangt es
schon Einiges an Zivilcourage, entgegen des medialen Mainstreams
seinen
Namen für diese Kampagne herzugeben. Ich muss sagen: Damit
habe ich nicht unbedingt gerechnet...