Fakten und ArtikelVerlag und Autoren des Kinder- und
Erwachsenenbuchs „Wo bitte geht’s zu Gott?“ veröffentlichen
Verteidigungsschrift im Internet
Bei der Darstellung des Rabbis wurde in dem angeprangerten Bilderbuch seitens der Macher mit großer Sorgfalt und Bedacht darauf geachtet, keine stereotypen negativen Klischeebilder zu verwenden, die diesen Mann persönlich oder als Repräsentant einer bestimmten Gruppe in irgend einer Weise verächtlich machen könnten. Seine
" Ich "hasse" Religionen
nicht, ich halte sie vielmehr, wie ich auch im Nachwort
zur zweiten Auflage des "Manifest
des evolutionären Humanismus"
geschrieben habe, für "kulturelle Schatzkammern der Menschheit",
die sowohl Sinnvolles, Humanes, als auch Sinnloses, Inhumanes,
enthalten."
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Neue Meldung beim Humanistischen Pressedienst vom 30.01.08:
Im
Oktober 2007 kam das satirische Kinder- und Erwachsenenbuch „Wo bitte
geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" von Michael Schmidt-Salomon
und Helge Nyncke auf den Markt und fand sehr bald eine große
Fangemeinde. Auch Pädagogen und Psychologen waren von der frechen,
kleinen Geschichte („Dawkins for Kids") angetan. So urteilte der
renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Peter Riedesser,
Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Buch sei
„als Gegengift zu religiöser Indoktrination von Kindern pädagogisch
besonders wertvoll". Ursula von der Leyens Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend sieht die Sache jedoch völlig
anders: Das Ministerium beantragte die Indizierung des Kinderbuchs als
jugendgefährdende Schrift. Nach Angaben der Bundesprüfstelle für
jugendgefährdende Medien wird die mündliche Verhandlung Anfang März
stattfinden. Der Verlag und die Autoren wehren sich entschieden gegen
die Vorwürfe des Ministeriums und sprechen von politischer Zensur: Der
Indizierungsantrag sei ein durchsichtiger Versuch, Religionskritik aus
den Kinderstuben zu verbannen. Man werde diesen „Anschlag auf die
Meinungsfreiheit" nicht hinnehmen, heißt es. Folgt auf den
Karikaturenstreit nun ein Kinderbuchstreit?
Im
ministerialen Indizierungsantrag wird behauptet, das Buch sei
„geeignet, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre
Erziehung zu einer (sic!) eigenverantwortlichen und
gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden". Jugendgefährdend
seien Medien, „wenn sie unsittlich sind, verrohend wirken, zu
Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizen". Dass
ausgerechnet die niedlich illustrierte Geschichte vom kleinen Ferkel zu
solcher „Verrohung" beitragen könne, wird damit begründet, dass in dem
Buch „die drei großen Weltreligionen Christentum, Islam und das
Judentum verächtlich gemacht" und „die Besonderheiten jeder Religion
(...) der Lächerlichkeit preisgegeben" würden. Nach Ansicht des
Ministeriums werde dabei insbesondere das Judentum auf diffamierende
Weise angegriffen, so dass „Text und Abbildung mithin antisemitische
Tendenzen" aufweise.
Autor
Schmidt-Salomon, der aufgrund seines jüdisch klingenden Namens selbst
seit Jahren Zielscheibe antisemitischer Propaganda ist, findet diese
Behauptung „ungeheuerlich": „Dieser Antisemitismusvorwurf ist nichts
weiter als ein fadenscheiniger Vorwand, um Religionskritik aus den
Kinderstuben zu verbannen! Offensichtlich hat es einige Leute
irritiert, dass sich das Ferkelbuch in der Weihnachtszeit besser
verkaufte als die traditionelle, apologetisch-religiöse
Kinderliteratur. Also hat man nach einer Möglichkeit gesucht, um dem
einen Riegel vorzuschieben. Doch mit dem Antisemitismusvorwurf spaßt
man nicht! Und bei mir, der ich als humanistischer Philosoph ganz
wesentlich durch säkulare Juden wie Freud, Einstein, Marx oder Erich
Fromm geprägt bin, sind die Damen und Herren des Ministeriums nun
wirklich an der falschen Adresse gelandet!"
Schmidt-Salomon, dessen
„Manifest des evolutionären Humanismus" zu den meistverkauften
dezidiert humanistischen Büchern der letzten Jahre zählt, war noch vor
wenigen Monaten in iranischen Medien als „zionistischer Agent Israels"
bezeichnet worden, da er als Vorstandssprecher der Giordano Bruno
Stiftung die PR-Kampagne „Wir haben abgeschworen!" des „Zentralrats der
Ex-Muslime" geleitet hatte. „Insofern bedeutet der
Antisemitismusvorwurf eine interessante Erweiterung meines
Portfolios!", scherzt der Philosoph bitter. „So viele antisemitische
jüdische Agenten dürfte es ja nicht geben..."
Was ihn am
Indizierungsantrag des Familienministeriums besonders stört, ist „das
darin zum Ausdruck kommende, undifferenzierte Bild des Judentums".
Offenbar wisse man im Ministerium nicht, „dass die allermeisten Juden
progressiv, wenn nicht gar säkular, denken und sich in einer Schärfe,
die das Familienministerium arg erschrecken würde, von jenen
ultraorthodoxen Wirrköpfen distanzieren, die meinen, das Alte Testament
bzw. die Thora wörtlich nehmen zu müssen". Nur dieses
orthodox-religiöse Judentum werde „mit guten Gründen" in dem Buch
kritisiert, nicht „die" Juden schlechthin. Auch greife das Buch nicht
„die" Religionen an, sondern nur jene Formen, die nicht durch die
Schule der Aufklärung gegangen seien.
Die Argumentation des Ministeriums sei über weite Strecken derart grotesk, dass er am Anfang gedacht habe, es handle sich um einen „dummen Scherz", erklärt Schmidt-Salomon: „So wird uns vom Ministerium doch allen Ernstes vorgeworfen, dass während der Sintflut Omas, Babys und Meerschweinchen ertrinken! Ja, um alles in der Welt, haben diese Leute denn noch nie die Bibel gelesen?! Wenn dies ein Grund sein sollte, um ein Buch zu verbieten, so müsste man doch zuerst einmal die Bibel auf den Index der jugendgefährdenden Schriften stellen! Unser Buch hebt diese biblischen Ungeheuerlichkeiten doch auf humorvolle Weise auf! Es sagt den Kindern augenzwinkernd: Nur keine Sorge, ihr braucht wirklich keine Angst zu haben! Diese Geschichte vom biblischen Rachegott, der Omas, Babys und kleine Meerschweinchen ertränkt, ist frei erfunden!"
Auch Helge Nyncke, der das „kleine Ferkel" illustriert hat, ist über den Indizierungsantrag empört. Dass „ausschließlich der Rabbi" als unsympathisch und gewalttätig dargestellt werde, wie es im Schreiben des Ministeriums heißt, könne nur behaupten, wer unter „schweren Wahrnehmungsstörungen" leide oder gar „bewusst einseitig und tendenziös sichtbare Tatsachen ignoriere oder verfälsche". „Ich empfinde das als eine äußerst bedenkliche Wirklichkeitsverzerrung", sagt Nyncke. Ganz offensichtlich werde in dem Antrag „ein Feindbild aufgebaut, das in dem Buch überhaupt keine Entsprechung findet". Im Gegenteil, die „ganz bewusste gestalterische Gleichbehandlung aller drei Religionsvertreter werde absichtlich unterschlagen und in antijüdische Propaganda umgemünzt". „Eine Unverschämtheit", so der Zeichner.
Fassungslos
habe er zur Kenntnis genommen, sagt Nyncke, dass die Antragsteller in
dem Handgemenge zwischen den streitenden Gottesdienern ausgerechnet dem
Rabbi Mordabsichten unterstellten, diese aber weder beim Bischof noch
beim Mufti zu entdecken glaubten. Eine so offensichtliche Projektion
der eigenen vorurteilsgeprägten Sichtweise auf eine ganz anders
gemeinte bildliche Darstellung sei „an Peinlichkeit kaum noch zu
überbieten".
Möglicherweise
habe „die verantwortliche Referentin des Familienministeriums in
Ausübung ihrer beruflichen Pflichten zu viele Gewaltvideos angeschaut",
meint Schmidt-Salomon. Andernfalls könne er sich kaum erklären, warum
die Jugendschutzreferentin fantasiere, dass der Rabbi „einem Vertreter
des christlichen Glaubens eine Schriftrolle auf den Mund drückt und ihn
zu ersticken droht", wie es in dem ministerialen Schreiben heißt: „Also
ehrlich: Den Unterschied zwischen einer harmlosen Rauferei und einem
Mordversuch sollte man doch schon erkennen können! Nebenbei: Haben Sie
schon einmal versucht, einen Menschen mit einer dünnen Papierrolle zu
ersticken? Wenn Ihnen das gelingen sollte, melden Sie sich doch bitte
bei Uri Geller!"
Gunnar Schedel, der Leiter des Alibri Verlags, in dem das Kinderbuch erschienen ist, spricht von einem „Anschlag auf die Meinungsfreiheit". Den Indizierungsantrag aus dem Haus von der Leyen sieht er im Zusammenhang mit dem Bestreben konservativer Politiker, der Religion bei der Kindererziehung wieder mehr Gewicht zu verleihen: „Offenbar stört unser ‘Ferkelbuch' die Pläne des Familienministeriums zur christlichen Werteerziehung", meint der Verleger. Mit ihren Bemühungen, Kinder gegenüber nicht-religiösen Sichtweisen abzuschotten, stehe Ministerin von der Leyen freilich nicht alleine. „Ich erinnere nur an den Aufruf Edmund Stoibers, die Kinderbücher des ‘falschen Propheten' Janosch aus deutschen Kinderzimmern zu verbannen", sagt Schedel.
Für den Fall einer Indizierung kündigt der Verleger den Gang durch die juristischen Instanzen an: „Wir werden diesen durchsichtigen Zensurversuch sicherlich nicht hinnehmen." Schedel ist davon überzeugt, dass eine solche Klage die Unterstützung zahlreicher nationaler wie internationaler säkularer Verbände finden würde, „schließlich geht es hier nicht nur um ein Kinderbuch, sondern um eine Verteidigung von Grundrechten!"
Auch die beiden Autoren wollen eine mögliche
Indizierung ihres Buchs keineswegs akzeptieren. „Auch Kinder haben ein
Recht auf Aufklärung", meint Michael Schmidt-Salomon. „Schauen Sie sich
doch einmal in der Welt um! Nie zuvor war Religionskritik so wichtig
wie heute! Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, den Menschen
die Angst vor archaischen Glaubenssätzen zu nehmen. Diese Glaubenssätze
führen, wie wir tagtäglich in den Medien erfahren müssen, zu jener
Verrohung, die man nun ausgerechnet dem Ferkelbuch unterschieben
möchte. Wer die Geschichte vom kleinen Ferkel gelesen hat, der weiß,
dass sie ganz sicher nicht zu Hass aufstachelt, sondern zu Heiterkeit.
Das kleine Ferkel führt uns auf humorvolle Weise jene
menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten vor, die sich auch,
aber nicht nur, im religiösen Glauben widerspiegeln. Es mag ja Menschen
geben, die eine solch humorvolle Sichtweise der menschlichen Existenz
nicht ertragen können und deshalb beleidigt nach Zensur schreien.
Derartige Leute sollten in Ministerien aber wirklich nicht das Sagen
haben!"
Glaubt der Autor, dass es am 6. März, dem Tag der mündlichen Verhandlung, tatsächlich zu einer Indizierung seines Kinderbuchs, also zu einem weitreichenden Verkaufsverbot, kommt? „Wenn vernünftige Argumente bei dieser Verhandlung auch nur einen Pfifferling wert sind, kann ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen!", sagt Schmidt-Salomon. „Ich gehe fest davon aus, dass die Verantwortlichen der Bundesprüfstelle diesen verrückten Indizierungsantrag abschmettern werden und somit das Buch auch weiterhin frei über den Buchhandel erhältlich sein wird! Allerdings sollte man nicht übersehen, dass auf der Gegenseite mächtige Interessensgruppen mit im Spiel sind. Man muss also auf alles gefasst sein..."
Stefanie Finke
[Download des Indizierungsantrags]